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3:0 im AlphaGo-Match: Lee Sedol deutlich unterlegen

Von | 12. März 2016

Dieser Samstag ging in die Geschichte ein als der Tag, an dem ein Computer-Programm einen Top-Profi in einem Gleichauf-Match besiegen konnte. AlphaGo gewann die dritte von fünf Partien gegen Lee Sedol 9p und überzeugte damit auch die letzten Zweifler von der Stärke der Google-KI. AlphaGo spielte so stark, dass es einem fast schon unheimlich ist.

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(v.l.n.r.) CEO von DeepMind, Demis Hassabis, Lee Sedol und Google Mitbegründer Sergey Brin.

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Nachdem er alles Menschenmögliche getan hatte, musste Lee Sedol schließlich aufgeben.

Es war ein Schock als AlphaGo Lee Sedol im ersten Spiel besiegte, doch viele waren sich über seine Stärken und Schwächen noch nicht sicher. Lee Sedol hatte augenscheinlich seinen Gegner unterschätzt und eine experimentelle Eröffnung gewagt. Der Plan ging nicht auf. Bald danach verhedderte er sich in einer komplizierten taktischen Position und verlor.

Am zweiten Tag spielte Lee deutlich besser. Mit soliden Zügen wollte er auf eine Gelegenheit warten, wo er zuschlagen kann. Die Partie war ein guter Test für die Stärke der Maschine. Obwohl sich die erhoffte Gelegenheit nie zeigte, bekamen wir eine Partie von hoher Qualität zu sehen, die dem ‘Team Mensch’ Hoffnung auf einen Gesamtsieg für den Top-Profi gab.

Diese Hoffnung ist mit der dritten Niederlage nun zerschlagen. An Younggil 8p ist überzeugt, dass AlphaGo schlicht stärker ist als alle derzeit aktiven Go-Profis.

Am Donnerstag nach der zweiten Niederlage saß sich Lee Sedol mit einer Gruppe befreundeter Profis zusammen und analysierte die bisherigen Partien bis 6 Uhr morgens (am Freitag wurde eine Spielpause eingelegt). Einige Spieler waren der Meinung, dass Lee das Programm nur besiegen könne, wenn er während der Eröffnung die Oberhand behalten kann, sodass AlphaGo Overplays spielen muss, um aufzuholen.

Aufgrund früherer Ergebnisse mit Go-KI, die auf dem Monte-Carlo-Algorithmus beruhen, schlugen andere vor, dass AlphaGos Schwäche in Ko-Kämpfen oder Semeai liegen könnte. Einen Versuch sei es wert, denn in den bisherigen Spielen gegen Fan Hui 2p und Lee Sedol kamen keine komplizierten Ko-Kämpfe vor.

Es folgt eine Übersetzung des Spielkommentars von gogameguru.com:

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Chris Garlock (l.) und Michael Redmond 9p kommentieren wieder die Partie.

Mit dem Rücken zur Wand und bewaffnet mit seinen Analyseergebnissen, spielte Lee Sedol mit Schwarz eine rasante und aktive Hohe Chinesische Eröffnung. Alles verlief nach Plan als Lee eine breite Position mit Schwarz 11 aufspannte und AlphaGo mit Weiß 12 in das Moyo eindrang. Schwarz ließ der KI keine Basis mit 13 und schon ging es in die spannende Phase.

Zum ersten Mal sahen wir, wie AlphaGo eine schwache Gruppe im gegnerischen Einflussbereich handhabt. Eine mögliche Gelegenheit? Und hier fing es an, unheimlich zu werden. Normalerweise ist es eine gute Idee, ein großes Moyo aufzubauen und den Gegner zur Invasion zu zwingen, da man eine zahlenmäßige Überlegenheit hat und stark angreifen kann. Eine Zeit lang schien Lee gut damit zu fahren, doch als der Kampf fortschritt, drehte Weiß die Lage Schritt für Schritt um – mit kleinen effizienten Zügen hie und da. Lee spielte gut, doch der Computer spielte irgendwie besser. Indem er AlphaGo in diesen schweren, einseitigen Kampf zwang, offenbarte Lee diese bisher unbekannte Stärke seines Gegners.

Relativ schnell wurde klar, dass der Profi nicht genug Profit von dem Angriff erlangen würde. Nach Zug 32 war unklar, wer gerade wen angriff und nach Zug 48 musste sich Lee verzweifelt gegen die weiße Gegenattacke wehren. David Ormerod (Original-Autor des Artikels) gibt hier eine persönliche Bemerkung ab: “Als ich das Spiel verfolgte und mir klar wurde, was hier passierte, wurde mir übel. Normalerweise vermeide ich solche persönlichen Bezüge, aber das Spiel war einfach so beunruhigend. Ich sage das als jemand, der sehr interessiert ist an künstlicher Intelligenz und, der sich sehr auf dieses Match gefreut hatte. Einer der größten Go-Virtuosen des Mittelspiels wurde gerade nach Strich und Faden an die Wand gespielt. AlphaGos Stärke war bemerkenswert und schwer, Lee Sedol nicht zu bemitleiden.”

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Die dritte Alpha-Go-Partie auf einem riesigen Bildschirm auf den Straßen von Seoul.

Nachdem das Programm seine Muskeln spielen ließ
und die Oberhand erlangte, fing es an, ruhigere Züge zu spielen. Dieser Stil ist ein Feature des Algorithmus, auf dem AlphaGo basiert. Statt den Vorsprung zu maximieren, möchte es nur die Gewinnwahrscheinlichkeit erhöhen. Wenn AlphaGo also einen scheinbar schwachen Zug spielt, sollten wir das nicht als Fehler bewerten, sondern vielleicht eher als Siegeserklärung.

Als Lee Sedol klar hinten lag, unternahm er einen letzten Versuch, die Partie für sich zu entscheiden. Er versuchte einen kleveren Angriff auf den weißen Drachen im Zentrum mit Schwarz 77, doch AlphaGos Antwort machte den Anschein als wüßte es genau, was Lee vorhatte.

Danach versuchte er einen Fragezug im weißen Gebiet mit Zug 115, der androhte, eine Leiter in Sente zu brechen oder im weißen Moyo zu leben, doch AlphaGo reagierte solide. Schwarz versuchte, den Fragezug erfolgreich zu nutzen, doch Weiß ließ das kalt.

Lees allerletzte Chance war ein kompliziertes Ko im weißen Gebiet, worin es um ein Viertel des Brettes ging. Doch hier zeigte AlphaGo, wie stark und abgeklärt seine Spielweise ist indem es das Ko ignorierte und Honte spielte mit Weiß 148. Dieser Zug vermeidet auch die Möglichkeit eines Doppel-Ko nach Schwarz 148 (was möglicherweise Lee Sedols Plan war).

Nachdem Lee Sedol alle Zweifel über AlphaGos Stärken und Schwächen ausgeräumt und alle realistischen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, war der Profi müde und zermürbt. Nach 176 Zügen gab er auf. Eine detailliertere Analyse von An Younggil gibt es auf gogameguru.com.

AlphaGo-Lee-Sedol-game-3-Lee-Sedol-at-press-conference-4In der Pressekonferenz nach der Partie entschuldigte sich Lee für die verlorene Partie und versicherte, dass er trotz des Ergebnisses in den Partien vier und fünf immer noch sein Bestes geben würde. Er ermutigte auch alle Go-Fans, weiterhin mitzufiebern. Die nächste Partie findet morgigen Sonntag, den 13. März, statt.

Kommentator Lee Hyunwook 8p sagte, dass Lee Sedol “das stärkste Herz” besitzt, das er je in einem Go-Spieler gesehen hat. Er sei die beste Wahl für dieses Herausforderungsmatch gewesen.

Michael Redmond 9p gab vor, dass uns möglicherweise eine “dritte Fuseki-Revolution” bevorsteht, getrieben durch AlphaGo.

Davon abgesehen, werden wir als Go-Gemeinde lernen müssen, uns anzupassen und das Beste zu machen aus dieser neuen Kraft in der Go-Welt; und vielleicht ist es auch an der Zeit für eine breitere Diskussion über die Art, wie die menschliche Gesellschaft mit dieser aufstrebenden Technologie umgeht.

Via gogameguru.com

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