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3:1 im Alpha-Go Match: Lee Sedols geniales Comeback

Von | 13. März 2016
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Lee Sedol 9p, sichtlich erleichtert nach seinem ersten Sieg gegen AlphaGo.

Die Erwartungen waren zurückhaltend am Sonntag als Lee Sedol 9p zum vierten Mal dem Computer-Go-Programm AlphaGo gegenüber stand. Nachdem Lee die ersten drei Spiele verloren hatte, lösten sich seine Chancen auf den Gesamtsieg in Luft auf. Sein neues Ziel, und die Hoffnung seiner Fans, war, immerhin eine Partie für sich zu entscheiden.

Wiederum sah die Situation finster aus für Lee bis er plötzlich ein As aus dem Ärmel zauberte, gerade als es besonders übel für ihn stand. Lee Sedol gewann die vierte Partie durch Aufgabe.

Nachdem sich der Top-Profi vom Erwartungsdruck, unbedingt gewinnen zu müssen, gelöst hatte, spielte er ganz losgelöst. Wie in der vorherigen Runde hatte Lee am Samstag mit anderen Top-Profis bis in die Nacht hinein die Spiele analysiert, um eine Schwäche in AlphaGos Rüstung zu finden. Der Schlachtplan sollte eine sogenannte Amashi-Strategie sein, eine drastische Spielweise (die dennoch als vernünftiger Ansatz gilt). Kurz gesagt, Lee spielte eine komplett gegenteilige Eröffnung wie bisher:

Statt einen großen Einflussbereich aufzuspannen, wo sich AlphaGo gezwungen sehen würde, zu invadieren, nahm Lee (Weiß) diesmal bei jeder Gelegenheit, Gebiet wo er nur konnte. AlphaGo im Tausch dafür Einfluss im Zentrum. Und den galt es, zunichte zu machen. Warum spielt Lee Sedol auf so riskante Art? Aus den vorherigen Spielen wissen wir, dass AlphaGo sehr gut darin ist, die Gewinnwahrscheinlichkeit seiner Partien auszurechnen – offensichtlich sogar besser als jeder menschliche Gegner.

Diese Fähigkeit, erlaubt es der Software, Risiko besser abzuschätzen als wir und lokale Verluste hinzunehmen, solange die interne Bewertung weiterhin auf Sieg steht. Die japanischen Go-Spieler nennen diese Einstellung sōba, was soviel heißt wie ‘Marktpreis’. Man bewertet jede Situation isoliert, statt das ganze Spiel als einen einzigen komplizierten Handel zu betrachten. Go-Autor John Fairbairn bezeichnete dies als “Sieg durch Schlichtung”.

Es folgt eine Übersetzung des Spielkommentars von gogameguru.com:

AlphaGo-Lee-Sedol-game-4Nachdem Lee also eine ganze Menge Gebiet abstecken konnte, invadierte er das große schwarze Moyo mit Weiß 40 und lud AlphaGo zum Kampf ein. Bis zu Weiß 48 streute Lee Steine in das potentielle gegnerische Gebiet, mit der Absicht, Sabaki zu machen. Bei dieser Spielweise betrachtet man einzelne Steine als entbehrlich solange der andere Teil der Gruppe Augenform bekommen und/oder in die Mitte entfliehen kann. Und genau das wollte Lee bezwecken – einen Kampf, in dem es um alles oder nichts geht, und wo AlphaGos genauen Verhandlungskünste größtenteils bedeutungslos sind.

Einen direkten Angriff auf einen der vereinzelten weißen Steine hätte Lee begrüßt. AlphaGo reagierte also vollkommen richtig, indem es die weißen Steine indirekt unter Druck setzte mit dem shoulder hit auf Schwarz 47. Dieser Zug lehnte sich gegen den weißen Stein auf R11 und zielte gleichzeitig indirekt auf die schwache weiße Position. So ähnlich spielte Lee am Samstag gegen AlphaGo.

In den darauf folgenden Zügen versuchte Schwarz einen Vorsprung zu behalten, um Lees Gruppe auf der rechten Seite getrennt zu halten. Diese Taktik war von Erfolg gekrönt und mit Schwarz 69 ging AlphaGo in Führung nach einem vertretbaren Opfer von vier Steinen. Statt aber diesen Handel einzugehen mit einem Zug auf O6, fing Lee stattdessen an, das schwarze Moyo sofort mit Weiß 70 zu reduzieren. AlphaGo verteidigte mit 71, was nach einer Siegeserklärung aussah, doch Lee gab nicht nach und forschte mit den Zügen 72 bis 76 nach Schwachstellen.

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Die vierte Partie im AlphaGo Challenge Match überraschte sämtliche Kommentatoren und Zuschauer.

Als die Kommentatoren schon das Ende für Lee Sedol ausrufen wollten, machte der Weltklasse-Spieler ein brillantes Tesuji auf 78 und war damit schlagartig wieder im Spiel. Der genau richtige Zug zum genau richtigen Zeitpunkt, der aber so unergründlich ist, dass nur ein Meister ihn spielen kann – aus solchen seltenen Momenten wird Go-Geschichte geschrieben. Andere Profis im Publikum erwägten den Zug entweder gar nicht oder konnten nicht berechnen, ob er funktioniert.

Gu Li 9p, chinesischer Top-Profi, Lee Sedols Freund und bitterer Rivale, bezeichnete 78 als kami no itte (japanisch für ‘göttlicher Zug’). Gu Li sah ihn nicht kommen und AlphaGo augenscheinlich auch nicht. Direkt danach kollabierte nämlich das schwarze Gebiet. Die weißen Steine flohen durch einen Geheimgang und nach Weiß 92 waren H14 und J10 miai, d.h. sobald einer der Spieler den einen Zug spielt, spielt der andere den anderen. Weiß ist sicher.

Und ab hier nahm das Spiel eine chaotische Wende. Von Weiß 87 bis 101 machte AlphaGo eine Reihe sehr schlechter Züge. Diese sind aber nicht vergleichbar mit den Fehlern, die das Programm in der Vergangenheit gezeigt hat. Die ‘schwachen’ Züge waren damals nur ein Zeichen, wie sicher sich AlphaGo seiner Sache war. Nun hingegen spielte AlphaGo eindeutige Fehler, die den Gebietsunterschied zum Gegner nur noch ausweiteten. Schlechte Austausche, die Potenzial aus der Position tilgen und weniger als nichts bezwecken und nur AlphaGos Niederlage fest zementierten.

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(v.l.n.r.) Lee Sedol, Demis Hassabis und David Silver

Dies setzte sich noch 80 Züge lang fort bis AlphaGo endlich aufgab. In der darauf folgenden Pressekonferenz war auch David Silver anwesend, der Chef-Entwickler von AlphaGo, sowie Demis Hassabis und natürlich ein überglücklicher Lee Sedol. Viel hatten die beiden KI-Tüftler aber nicht zu der ersten Niederlage ihres Programms zu sagen. Hassabis sagte nur, sie müssten erst in ihr Büro in England  zurückkehren, bevor sie das Problem im Detail erklären könnten.

Herzlichen Glückwunsch an Lee Sedol mit der Hoffnung auf ein 3:2! Die fünfte und letzte Partie wird am Dienstag, den 15. März, gespielt.

Und hier die Pressekonferenz mit einem sichtlich erleichterten, überglücklichen Lee Sedol 9p:

Via gogameguru.com

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