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Bennis Blog: Ein halbes Jahr Go in China (2)

Von | 21. Februar 2014
Teil 2 von 3 der Serie "Bennis Blog"

20. Oktober 2013

Am 17. Oktober bekamen wir Besuch von Mr. EGF-Präsident, Martin Stiassny. Daher fand jetzt auch die offizielle Eröffnungsfeier mit netter Dekoration sowie wichtigen Gästen und ebenso wichtigen Reden statt. Der interessanteste Teil war ein Brief vom chinesischen Weiqi-Institut, indem sie bekräftigten, dass ihnen unser Projekt sehr gut gefällt – und so hoffe ich nun, dass sie uns in Zukunft etwas unterstützen werden. Nach der Zeremonie spielte ich eine Partie gegen meinen alten Freund Du Jingyu 7d und aus irgendeinem Grund ließ er mich nach einem wilden Kampf, in dessen Verlauf ich ziemlich viel verloren hatte, doch noch gewinnen. Ich denke, das wäre ihm in einer ernsten Turnierpartie nicht passiert, aber irgendwie bin ich trotzdem stolz, da es sehr schwer ist, einen Du zu schlagen, auch wenn er nicht sein Bestes gibt. Am Abend besuchte uns Martin in unserer Unterkunft und bei etwas Wein und Bier (in der Regel haben wir es uns nicht gestattet, am Abend vor Unterricht oder Turnieren Alkohol zu trinken, aber ich denke, das war eine akzeptable Ausnahme) gewährte er uns ein paar Einblicke in das bevorstehende EGF-Profisystem und die neuesten Entwicklungen in der globalen Go-Politik. Bereits am nächsten Tag musste er uns dann wieder verlassen, aber ich freue mich, ihn schon bald bei der Pair-Go-Weltmeisterschaft in Tokio wieder zu sehen.

Am nächsten Tag, als ich eine meiner Partien (eine ziemlich schlechte) im Unterricht zeigte, unterbrach Meister Wang Yang seine Analyse und hielt eine sehr lange Rede, die ich gerne inhaltlich zusammenfasse: Er sagte, unsere tatsächliche Kenntnis vom Go und unsere Lesefähigkeit seien im Wesentlichen gut, aber wir alle hätten ein großes Problem in Bezug auf das Risikomanagement und das Controlling während der Partie. Das hat mir die Augen geöffnet, denn in der Theorie kenne ich diese Konzepte, war mir aber nicht bewusst, wie schlecht ich eigentlich darin bin, wenn es um die Praxis geht. Die erste und wichtigste Lektion ist: Immer ruhig bleiben! Menschen sind meist sehr emotional und vor allem ein “Spiel des geistigen Kampfes” kann eine Unmenge an Emotionen verursachen. Ich weiß nicht, wie oft ich ein Partie in einem veränderten emotionalen Zustand verloren habe. Vielleicht spielte mein Gegner eine seltsame Abweichung und ich war wütend, weil ich trotzdem nicht leicht gegen ihn gewinnen konnte. Oder ich war zu sicher, dass eigentlich jeder Zug die Partie gewinnen würde. Oder ich wurde von einem guten Zug, den ich nicht erwartet habe, überrascht oder war frustriert über einen früheren Fehler. Go ist nicht nur ein Spiel der Fertigkeiten, es ist auch ein Spiel der Konzentration, der Willenskraft und der Selbstkontrolle. Also müssen wir, unabhängig davon, was unsere Emotionen während einer Partie beeinflusst, versuchen, uns zu beruhigen und immer versuchen, unser bestes Go zu spielen. Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Das braucht viel Übung und auch Profi-Spieler sind nicht immun gegen Emotionen, aber sie sind besser darin, sie zu kontrollieren. Top-Spieler wie z. B. Lee Changho zeichnet genau das aus. Wie bei fast allem, ist das bewußte Wahrnehme von etwas der erste Schritt auf dem Weg der Besserung. So sollte man darüber nachdenken, wie die eigenen Emotionen das eigene Go-Spiel beeinflussen. Man sollte sich nicht dafür verdammen, mit einem großen Fehler gegen einen schwachen Gegner verloren zu haben, der einfach nicht aufgeben wollte, sondern stattdessen erkennen, dass der Grund für die Niederlage vielleicht ein Mangel an emotionaler Selbstkontrolle war. Daher sollte man versuchen, an der Kontrolle des eigenen Gemütszustands zu arbeiten – dann wird man künftig sicher viel mehr Partien gewinnen als bisher.

Das zweite Thema war das Risikomanagement. Wie sollte man mit Risiken während einer Go-Partie umgehen? Zunächst einmal gilt, dass es immer Risiken geben wird. Man kann das nicht verhindern, denn, wie schon erwähnt, wenn die eigene Positionen keine Schwächen hat, hat man ineffizient gespielt und verliert wahrscheinlich ohnehin nach Punkten. Also muss man sich tapfer den Risiken stellen und darf keine Angst haben. Auf der anderen Seite bedeutet das nicht, dass man immer kämpfen sollte, denn überall nur zu kämpfen ist unvernünftig. Es ist eine Frage der Balance und wenn die Gewinnchancen bei etwa 50 % liegen, sollte man ein mittleres Risiko wählen. Natürlich muss man dafür dazu in der Lage sein, richtig zu bewerten , wie riskant eine gewisse Variante eigentlich ist, so dass Lesefähigkeit und Urteilskraft entscheidend sind, natürlich.

Wie sollte man spielen, wenn man hinten liegt? Vor allem sollte man ruhig bleiben – es wird noch eine lange Partie gespielt. Zweitens sollte man die Risikostufe ein wenig erhöhen – mit der Betonung auf “ein wenig”. Ein starker Go-Spieler geht fast nie “All-in”, wie es beim Pokern heißt, startet also keine verzweifelte Aufgabesequenz. Stattdessen wird er versuchen, den Druck auf den Gegner unmerklich zu erhöhen, und warten, bis dieser Fehler macht. Das Ziel ist es, am Ende der Partie mehr Punkte zu haben, nicht unbedingt nach den nächsten 10 Zügen. Wie auch immer, sollte man so viel Gebiet nehmen wie möglich – das wird die meisten Gegner unruhig machen. Selbst wenn der Gegner mehr Einfluss oder stärkere Gruppen hat, wird er noch beweisen müssen, dass er dies am Ende in Punkte umzumünzen weiß. Man sollte versuchen, die schwachen Gruppen des Gegners anzugreifen, aber gewinnbringend – wenn man töten muss, um zu gewinnen, wird man in der Regel verlieren. Man kann auch versuchen, eine Moyo zu bauen. Vielleicht invadiert der Gegner dann zu tief oder eben nicht tief genug – und man kann davon profitieren. Eine andere Strategie ist, eine schwache Gruppe als Angriffsziel zurück zu lassen. Vielleicht greift der Gegner dann zu hart an oder versuchen sogar, diese Gruppe zu töten, und verliert dabei viele Punkte. Jedoch sollte man keine schwachen Gruppen zurücklassen, die sich leicht profitabel angreifen lassen, z. B. in der Nähe eines gegnerischen Moyos, wo jeder Angriffszug zugleich das Moyo zu Gebiet verfestigt. Lese- und Kampffähigkeiten sind entscheidend für diese Strategie, natürlich.

Wie sollte man spielen, wenn man vorne liegt? Vor allem sollte man ruhig bleiben – es wird noch eine lange Partie gespielt. Ist man zu aufgeregt, kann man immer noch verlieren, egal wie groß der Vorsprung gerade ist. Man sollte eine Go-Partie als ein Tennismatch sehen. Hat man ein Break erreicht oder sogar den ersten Satz gewonnen, folgen mindestens noch zwei weitere Sätze. Auf jeden Fall sollte man als Führender versuchen, die Risikostufe ein wenig zu senken. Man sollte allerdings nicht anfangen,  Punkte aus dem Fenster zu werfen oder beim Lesen faul zu werden – man sollte immer noch jeweils den besten Zug auf dem Brett finden wollen, immer! Auch wird es immer noch so sein, dass man Risiken eingehen muss, es sei denn, der Gegner ist wirklich sehr schwach. Je größer der Vorsprung ist, desto mehr kann man auf Sicherheit spielen.

Es ist alles eine Frage der Balance. Und für mich ist das Komische, dass ich in Deutschland durchaus einen Ruf als rücksichtsloser Kämpfer habe, der gerne übertreibt, auch wenn er vorne liegt. Aber für Wang Yang bin ich ein solider Spieler, der meistens der Gefahr aus dem Weg gehen will. Natürlich spiele ich in viele Stellungen immer noch Overplay, aber ich spiele in mindestens ebenso vielen Stellungen zu risikoscheu. Hier ist die Stellung, die der Ausgangspunkt für seine Ansprache war:

Ich spiele mit Schwarz gegen unseren “Hilfslehrer” Luo Gang. Die markierten Steine ​​waren alles miserable Abtäusche und nach W1 war die schwarze Stellung ziemlich schlecht. Hinzu kommt das lästige Schnitt-Aji mit A, so dass ich potenziell zwei schwache Gruppen neben der weißen Dicke habe. Allerdings ist die Partie nach Gebiet noch ziemlich ausgeglichen, auch wenn die weiße Dicke mindestens 10 Punkte wert sein sollte.

Ich setzte wie folgt fort:

Ich habe versucht, Leben in der Ecke zu basteln und habe dann so schnell wie möglich unten verteidigt.

Hier die Stellung danach – während ich es geschafft habe, meine Schwächen zu verteidigen, hat Weiß seine Dicke in eine Führung nach Gebiet gewandelt und somit nun eine sehr einfache Partie (er gab mir immer noch Chancen, die ich nicht wahrnehmen wollte, aber das ist eine andere Geschichte). Meine Spielweise war einfach zu sicherheitsorientiert für diese Situation und ich hatte es versäumt, die Risikostufe zu erhöhen, als ich hinten lag.

Wang Yang schlug stattdessen den mutigen Zug 4 vor, um die weiße Ecke anzugreifen und dabei Gebiet oben zu nehmen. Für mich schien dies wie eine verrückte Idee, denn in der Regel sind zwei schwachen Gruppen auf dem Brett gegen einen starken Gegner identisch mit einem Selbstmordversuch. Aber diese Situation ist anders, da es keine einfache Möglichkeit für Weiß gibt, Punkte zu machen, um tatsächlich aus einen Angriffen zu profitieren. Am unteren Rand hilft hier mein 4-4-Stein – wenn Weiß dort einen Stein hätte, könnte er dort Punkte machen, während er die schwarzen Steine durch neutrales Gebiet jagt. Aber da der Stein schwarz ist, muss Weiß über seine nächsten Schritte eingehend nachdenken, und es ist durchaus möglich, dass er Fehler begeht. Das ist nicht direkt zur Nachahmung empfohlen, denn normalerweise sind zwei schwache Gruppen eine schlechte Idee, auch wenn man hinten liegt. Dies funktioniert hier nur, wenn es keinen klaren Weg für einen profitablen Angriff gibt …

26. Oktober 2013

Wem ist bekannt, dass Gu Li auch ein ausgezeichneter Fußballspieler ist? Vor ein paar Tagen hatten wir ein Freundschaftsspiel gegen eine Mannschaft aus sieben Weiqi-Profis (mit zwei Auswechselspielern) auf einem Indoor-Platz. Nun, wir wurden vernichtend geschlagen und irgendwann habe ich aufgehört, die Gegentore zu zählen – aber ich hoffe wirklich, dass wir einen Revanche bekommen, nachdem wir etwas mehr trainieren konnten. Das größte Problem war allerdings, dass wir nicht in der Lage waren, danach eine heiße Dusche zu nehmen, da die Warmwasserleitung in unsere Unterkunft für ein paar Tage unterbrochen war. So mußte auch der Botschafter, den wir manchmal in den Aufzug trafen, in diesen Tagen mit einer kalten Dusche vorlieb nehmen. Die gute Nachricht ist, dass wir eine billige Sauna in der Nähe fanden, der ich wohl heute noch einen Besuch abstatten werde. Die Chinesisch-Lektion gestern war übrigens sehr gut, denn ich bin jetzt ich in der Lage, die Uhrzeit zu sagen. 🙂

Seit wir aus Dalian zurück sind, habe ich alle meine Ligaspielen verloren und bind ziemlich frustriert darüber. Vor allem, da ich glaube, dass ich tatsächlich viel besser spiele als zuvor. In fast allen Partien hatte ich irgendwann eine sehr gute Stellung, aber irgendwie fehlte mir die Konzentration oder die emotionale Kontrolle, um einen Sieg nach Hause zu bringen. Als Beispiel mag diese Partie gegen Lukas dienen, die eine sehr interessante Eröffnung hat:

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Nach 84 habe ich eine Stellung, von der man nur träumen kann, aber ich verpasse danach jede Gelegenheit, die Partie einfach zu halten, und nach einem schlechten Endspiel mit der Zeitproblemen (wir spielen mit sudden death) und zwei Halbpunkt-Kos, die ich ohne Grund aufgab, habe ich schlussendlich mit einen halben Punkt verloren.

Nun, ich denke, ich werde diese Krise durchleben müssen, und hoffe, sie wird mir helfen, weiter zu lernen und mich zu verbessern …

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