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Bennis Blog: Ein halbes Jahr Go in China (3)

Von | 13. April 2014 2 Kommentare
Teil 3 von 3 der Serie "Bennis Blog"

10. November 2013

Letzte Woche habe ich zusammen mit meiner guten Freundin Olga Silber an der Pair-Go-Weltmeisterschaft in Tokio teilgenommen. Vor dem Turnier hatten wir nur sehr geringe Erwartungen, weil sie derzeit wegen ihrer Vorbereitungen auf das Staatsexamen, das sie übrigens mit sehr guten Noten bestanden hat, nicht viel Go gespielt hat. Anstatt auf das Turnier selbst, konzentrierten wir uns also eher auf die Nebenveranstaltungen wie die nationale Kostüm-Party (oder, wie ich es nenne, den „Tag der Lederhosen“).

Aber dann spielte Olga ein erstaunlich gutes Go und zu meiner Überraschung landeten wir nach drei Siegen in Folge im Halbfinale gegen Korea. Natürlich haben wir dann verloren und sie sind Weltmeister geworden – ich glaube, das Mädchen aus dem koreanischen Team hätte mir zwei Steine geben können. Wir verloren dann auch das letzte Spiel gegen Taiwan, den Vizemeister, und endeten immerhin auf dem neunten Platz, auf den wir sehr stolz sind. Nach dem Turnier und einer ganztägigen Sitzung mit meinem Arbeitgeber Pandanet flog ich zurück nach Peking.

Olga Silber (l.) und Benjamin Teuber

Olga Silber (l.) und Benjamin Teuber

Als ich dort in der Wohnung nach 11 Uhr eintraf, bemerkte ich etwas seltsames: Kein Lachen, kein Steineklicken ​​und Rémi war der einzige, der noch wach war. Die anderen hatten die Woche über in einer chinesischen Weiqi-Schule geübt und zwei bis drei Partien am Tag gegen chinesische Kinder (die meisten Partien waren Verluste für Europa) absolviert, was sehr hart für Körper und Geist gewesen muss. Am nächsten Morgen ging ich zusammen mit ihnen in diese Schule und war wirklich beeindruckt von der wohl größten Go-Schule der Welt.  In einer ganz normalen Schule (auch wenn „normal“ hier ein großes Denkmal in der Mitte des Hofes umfaßt, das Nie-Weiping-Partien zeigt)  ist eine ganze Etage mit sechs Klassenzimmern an an die Weiqi-Schule vermietet. Ich schätze, sie haben über 200 Studierende, so dass es sich, wenn sie eine Runde ihres Ligaturniers spielen, ein wenig wie ein Go-Kongress anfühlt. Ich war auch von der großen Zahl an Mädchen, etwa ein Drittel, überrascht – und diese waren gleichmäßig auf alle Ligen verteilt. Also ich denke, Chinas Go-Zukunft ist gesichert … – und von nun an werden wir jeden Monat für eine Woche in dieser Schule spielen, so dass ich in der Lage sein werde, dies äußerst direkt zu erfahren.

Heute mussten wir sehr früh aufstehen, da wir bei einem sehr interessanten Team-Turnier mitspielen werden. Es sind acht Spieler pro Team, darunter ein männlicher und ein weiblicher Profi. Zwei Spieler aus jeder Mannschaft beginnen mit Pair-Go, während der Rest des Teams frei analysieren darf. Nach 72 Zügen gibt es dann eine 5-minütige Pause zur Analyse, woraufhin zwei andere Spieler die Partie bis Zug 144 fortsetzten. Dann wird bis zum Ende wieder gewechselt, so dass insgesamt sechs Spieler an der Partie beteiligt sind. Darüber hinaus sind zwei Auswechslungen erlaubt – wenn z.B. ein großes Tesuji auf dem Brett gespielt werden kann oder wenn ein Spieler nicht weiß, was zu tun ist, können die Spieler ausgetauscht werden. Unser Team besteht aus Wang Yao, Li Ting, unserem Hilfslehrer Luo Gang und uns fünf Europäern. Wir werden von unserem Sponsor, Lu Bin, der ungefähr über unsere Spielstärke verfügt, „gecoacht“. Folgende Strategie haben wir abgesprochen: Luo Gang und Rémi fangen mit der Eröffnung an, denn sie haben das beste Eröffnungswissen. Wenn die Dinge anfangen, ungewöhnlich oder kompliziert zu werden, werden Lukas oder ich eingewechselt. Ting übernimmt das Mittelspiel, zusammen entweder mit Andrii (bei einer Kampfpartie) oder mir (bei einer friedlichen Partie). Eventuell werden wir während des Mittelspiels ein weiteres Mal auswechseln. Für das Endspiel wollen wir unsere Geheimwaffe, Wang Yao, aufbieten und er wird wahrscheinlich zusammen mit Zeno antreten, der im Training ein sehr gutes Yose gespielt hat. Zuerst wollten wir mich im Endspiel bringen, aber ich spiele unter Zeitdruck schlechter als Zeno. Natürlich können wir, je nach Situation, Wang Yao bereits im Mittelspiel einwechseln, um zu gewinnen oder um das Spiel drehen. Aber das Turnier startet gleich, so dass ich los muss und später berichten werde, wie es ausgegangen ist …

30. November 2013

Unsere Strategie beim Team-Turnier hat nicht so gut funktioniert wie erwartet und wir haben unsere beiden Partien leider verloren. Ich denke, der Hauptfehler war, unseren stärksten Spieler, Wang Yao, erst im Endspiel einzusetzen. Wir dachten, dass es dann die meisten Züge gibt und der Druck am höchsten ist. Aber leider waren wir in unseren beiden Spielen im Endspiel schon zu weit hinten, um noch aufholen zu können. Also, sollten wir eine ähnliche Veranstaltung nochmal spielen, würden wir unserem stärksten Spieler auf jeden Fall das Mittelspiel überantworten.

Der Winter hat in Peking angefangen und die trockene, kalte und sehr verschmutzte Luft tut ihr Bestes, um unsere Kehlen und die allgemeine Gesundheit anzugreifen. Daher habe ich auch die letzte Woche mit einer Grippe im Bett verbracht, so dass ich nicht am normalen Training teilnehmen konnte. Stattdessen habe ich ein paar Go-Probleme gelöst und Profi-Partien nachgespielt. Jetzt geht es mir wieder besser, aber ich trage eine Maske mit Luftfilter, wenn ich das Haus verlasse. Ich hoffe , das hilft!

Wir sind jetzt seit ca. zweieinhalb Monaten hier, so dass schon fast Halbzeit ist. Ich denke, wir haben alle viel gelernt, und ich bin wirklich gespannt, wie unsere Ergebnisse sein werden, wenn wir wieder in Europa sind . Wir verstehen mehr und mehr die Art und Weise, in der Profi-Spieler über das Spiel denken, und ich fange an zu glauben, dass mein gesamtes Go-Wissen fast das Niveau der (schwächeren) Profi-Spieler erreicht hat. Abgesehen davon verliere ich noch die meisten meiner Spiele hier aufgrund ungenauen Lesens und meiner Unfähigkeit, die Konzentration während einer ganzen Partie aufrecht zu erhalten. Also fühle ich mich zur gleichen Zeit sehr stark und sehr schwach, was mir sowohl das Selbstvertrauen als auch die Motivation gibt, härter zu arbeiten, auch wenn ich wieder zurück in Europa sein werde. Von den anderen ist Andrii Kravets der Spieler, der mich bisher am meisten beeindruckt hat. Es ist leicht zu glauben, dass er zu Hause jeden Tag Tsumego löst, da seine Lesefähigkeit von uns die beste und schnellste ist. In den ersten paar Wochen konnte ich gegen ihn wegen vieler Richtungsfehler und Overplays – einem Nachteil seiner auf Leben-und-Tod konzentrierten Spielpraxis – noch gewinnen, aber jetzt, nachdem er viel an seiner Eröffnung, seiner Spielkonzeption sowie seinem Endspiel gearbeitet hat, ist er wirklich ein harter Gegner für uns alle und gewinnt Woche für Woche unsere interne Liga. Und der Kerl kann einfach nicht aufhören, Go zu studieren! Fast jedes Mal, wenn ich abends ins Bett gehe oder morgens aufwache, höre ich ihn Steine ​​auf das Brett setzen, entweder Eröffnung oder Leben-und-Tod üben. Also ich glaube, er ist auf jeden Fall ein Kandidat, EGF-Profi-Spieler oder der nächste Europameister zu werden – aber da wir uns alle bemühen aufzuholen, müssen wir abwarten und sehen …

Morgen fahren wir nach Yunan, wo wir für eine Woche ein großes Turnier spielen werden. Ich hoffe, dass wir beweisen können, dass wir seit dem letzten Mal viel gelernt haben!

15. Dezember 2013

Wir waren nicht wie erwartet in Yunan und der Grund war ich.  Ich mußte dringend mein China-Visum verlängert bekommen und wir haben nicht bedacht, dass ich dafür meinen Pass vor Ort lassen muss – so hatten wir keine andere Wahl und mussten zu Hause bleiben. Aber eigentlich war das nicht so schlimm für uns alle, da wir anstelle des Turniers einfach erneut zu der Weiqi-Schule gegangen sind, bei der die anderen gespielt haben, als ich in Japan war. Ich habe allerdings erfahren, dass dies doch nicht die größte Go-Schule der Welt ist – jemanden hat mir von einer Go-Schule mit 2.000 Studierenden erzählt. Aber „unsere“ ist die größte professionelle Go-Schule, da von den 180 Studierenden alle mindestens ein chinesisches 4d-Diplom besitzen. Ein weiterer Grund, warum der Aufenthalt in Peking nicht so schlecht war, war, dass ich wieder krank wurde – vielleicht habe ich mir beim ersten Mal nicht genug Zeit zur Erholung genommen. Dieses Mal wurde es noch schlimmer und ich musste Antibiotika und eine andere Medizin nehmen. Fun fact: Im Krankenhaus bezahlte ich nur 0,50 € für den Arzt, aber fast 100 € für die verschriebene Medizin – so 200 Mal mehr! Wie auch immer, ich wollte an dem Turnier der Schule teilnehmen, so dass ich einfach trotzdem mitspielte. Am ersten Tag begann ich mit einer soliden 0-3 und ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne das Fieber mehr gewonnen hätte. Aber nach einer Woche hatte ich ein 6:7 erreicht, genauso wie Lukas und Rémi. Andrii hat es geschafft, sieben Spiele gewinnen, während Zeno sich in den lauten Klassenzimmern nicht gut konzentrieren konnte und mit nur fünf Siege abschloss. Danach wurden wir gemäß unserer Ergebnisse in kleinere Gruppen eingeteilt und spielten einen kleinen Zyklus von fünf Spielen in einer halben Woche. Ich habe in der 15. Liga gespielt und 1-3 abgeschnitten, da einer meiner Gegner nicht angetreten ist. Am Dienstagabend hatten wir noch unsere wöchentliche Analyse-Sitzung mit Wang Yao, aber dieses Mal hielten wir sie im WeiqiTV-Studio direkt beim Chinesischen Go-Instituts ab. Dies wird das erste englischsprachige Video auf deren Website und viele weitere sollen noch aufgezeichnet werden, bevor wir nach Europa zurückkehren. Ich werde alle benachrichtigen, sobald die neue englische Sektion auf der Website von WeiqiTV zur Verfügung steht.

Michael Redmond 9p

Michael Redmond 9p

Danach hatte ich endlich etwas Zeit, mich zu erholen – und jetzt geht es mir schon viel besser. Diese Woche haben die Sportaccord World Mind Games hier in Peking begonnen und ich bin froh, dass das europäische Team mit Fan Hui, Ilya Shikshin und Pavol Lisy so stark gespielt und das amerikanische Team mit 3:0 geschlagen hat – ein weiterer Beweis dafür, dass Europa immer stärker und stärker wird! An diesem Wochenende hatte ich meine eigene Veranstaltungen beim Sportaccord.  Das ist eine lustige Geschichte! Wie einige von euch vielleicht wissen, gab es ein Online-Turnier bei Pandanet, meinem Arbeitgeber, dessen Gewinner nach Peking fliegen und gegen einen Profi spielen durften. Leider konnten sowohl der Gewinner (Victor Chow) und auch der Zweitplatzierte (Cornel Burzo) nicht und so entschied Pandanet, mich stattdessen zu nominieren, da ich schon vor Ort bin. Lustig! Ich bekomme eine Menge schöne Chancen dadurch, dass andere Menschen kurzfristig absagen müssen. Da frage ich mich schon, was wohl als nächstes kommen wird … Also, gestern spielte ich dann eine 2-Steine-Handicap-Partie gegen Michael Redmond 9p, einem meiner Idole seit ich 14 Jahre alt war. Leider gabe es nur 30 Minuten Bedenkzeit mit Sudden Death, so dass Probleme im Endspiel vorprogrammiert waren. Die Eröffnung entwickelte sich fast genau so, wie ich es vorbereitet hatte, ich spielte nur einen Zug im zweiten Joseki etwas schwer. Es lief ansonsten reibungslos  und obwohl er ein wenig aufholen konnte, war mein Vorsprung bis zu Mitte des Mittelspiels immer noch bequem. Aber ich hatte nur noch zehn Minuten Bedenkzeit und musste anfangen, schnell zu spielen. Dann ist mir der größter Fehler der Partie unterlaufen und ich mußte einige schweren Steinen anbinden, während er in der Lage war, ein schönes Gebiet mit einer ehemals schwachen Gruppe zu machen und schon hatte er das Spiel gedreht. Ich denke, es war immer noch knapp, aber ich machte mehr und mehr Fehler, als ich im Grunde blitzen musste, so dass ich aufgegeben habe, als ich vielleicht 10 Punkte hinten lag und nur noch eine Minute auf der Uhr hatte.

Shi Yue 9p

Shi Yue 9p

Heute hatte ich dann noch eine weitere Partie gegen den Sieger eines chinesischen Online-Turniers. Ich erwartete einen chinesische 6d- bzw. 7d-Amateur und trat mit mehr Selbstvertrauen an als gestern, … bis mir mein Gegner vorgestellt wurde. Es war niemand geringeres als Shi Yue 9p, der aktuelle LG-Cup-Titelträger und vielleicht derzeit der stärkste Go-Spieler der Welt! Ich hattte wieder zwei Steine Vorgabe und mir wurde gesagt, dass es wieder 30 Minuten Bedenkzeit mit Sudden Death gibt. Dieses Mal war die Eröffnung schon viel schwerer und ich hatte im späten Mittelspiel nur noch sechs Minuten und eine etwas günstigere Position. Ich wusste, dass ich bei so wenig Bedenkzeit keine Chance auf eine solides Endspiel hatte und beschloss daher, all-in zu gehen, und invadierte in seine Anlage, die fast schon Gebiet war. Aber natürlich fand er die richtigen Züge, mich zu töten, und ich verlor mindestens zehn Punkte bei der Aktion. Aber dann entdeckt ich, dass meine Zeit immer auf 5 Minuten zurückgesetzt wurde, wenn ich weniger als einer Minute für einen Zug brauchte – wir spielten also tatsächlich mit einem Byoyomi von 5 x 1 Minute. Also spielte ich weiter, aber natürlich hatte ich bereits um die 10 Punkte verloren. Etwas später zählte ich und lag etwa zehn Punkten hinten, so dass ich wieder aufgegeben habe. Ich frage mich aber immer noch, was wohl passiert wäre, wenn ich die Zeit-Bedingungen gekannt und normal weitergespielt hätte, aber ich bin mir sicher, dass mein Gegner in diesem Fall weniger sanft mit mir umgegangen wäre. Wie auch immer, kurz nachdem unsere Partie beendet war, startete bereits die Preisverleihung, so dass das Byoyomi eventuell nur ein Fehler von der Person war, die die Uhr bedient hat. Ich wurde dann noch als offizieller Sieger des Sportaccord Online-Turniers geehrt – nice 🙂

Wir haben nun drei Tage in Peking, bis wir nach Guangzhou fahren, wo ein großes Team-Turnier über Weihnachten stattfinden wird. Lukas und ich werden von Johannes Obenaus 5d verstärkt, um die deutsche Nationalmannschaft zu komplettieren. Johannes lebt derzeit für einen Studentenaustausch in Taiwan (meist spielt er wohl Go), so dass die deutsche Mannschaft dieses Mal wohl die kürzeste Anreise nach China hatte. Dieses Turnier wird etwas besonderes, mit großen Preisgeldern (einige speziell für Amateur-Teams), und ich hoffe, dass ich dort die Chance haben werde, gegen mehr Top-Profis zu spielen – auch wenn natürlich zu erwarten steht, dass es ohne Handicap noch viel härter wird …

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