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Bennis Blog: Ein halbes Jahr Go in China (1)

Von und | 9. Januar 2014
Teil 1 von 3 der Serie "Bennis Blog"

Benjamin Teuber 6d führt auf Sensei’s Library ein Blog zu seinem derzeitigen China-Aufenthalt in englischer Sprache. Freundlicherweise hat er einer Veröffentlichung seines Tagebuchs in diesem Blog in deutscher Übersetzung zugestimmt.

Tobias Berben

Im Sommer 2013 gelang es der Europäschen Go-Föderation (EGF), einen Sponsoring-Vertrag mit einer chinesischen Investorengruppe namens Cego zu schließen, um ein europäisches Profi-System in Europa zu etablieren. Teil dieses Vertrages werden künftig jedes Jahr eine Gruppe von etwa fünf starken Spielern unter 26 Jahren in China eine intensive Profi-Go-Ausbildung genießen, die 5 1/2 Monate dauert und durch Online- Unterricht fortgesetzt wird. Mit 30 Jahren bin ich natürlich zu alt für eine reguläre Teilnahme, aber ich fragte nach, ob ich nicht für ein oder zwei Monate teilnehmen könne und das gerade zur rechten Zeit, nachdem Dusan Mitic kurzfristig seine Teilnahme abgesagt hatte. Und dank der Bemühungen von Martin Stiassny und Li Ting darf ich nun am vollen Programm teilnehmen. Daher studiere ich jetzt Go in Peking, zusammen mit Andrii Kravets (Ukraine), Lukas Kraemer (Deutschland), Remi Campagnie (Frankreich) und Zeno van Ditzhuijzen (Niederlande).

Benjamin Teuber

16. September 2013

xie_yimin

Xie Yimin 6p, die in Japan sehr erfolgreiche und in Taiwan geborene Profispielerin

Als ich vor nunmehr zehn Tagen nach China kam, war ich Begleitung von Manja Marz, die in Suzhou an einer Profi-Weltmeisterschaft teilnahm und einen Babysitter für ihre kleine Tochter Larissa brauchte. Wir hatten dort eine tolle Zeit, auch wenn Manja bereits ihre erste Runde – wie erwartet – verlor. Neben dem Turnier selbst genossen wir dort viele schöne Gärten und andere Sehenswürdigkeiten und aßen eine Menge köstliches chinesisches Essen, sowohl im Turnierhotel als auch in einigen noblen Restaurants in Suzhou.

Wandertour zum Berg Huangshan

Wandertour zum Huangshan-Gebirge

Alles wurde vom Sponsor dieser Veranstaltung bezahlt, der nicht nur das Hotel besaß, in dem gespielt wurde, sondern auch noch Berg, die größte Touristenattraktion in der Nähe.

Meine persönliche Lieblingsspielerin, Xie Yimin, die ich noch aus meiner Zeit in Japan kannte, als sie Insei war und die seitdem die japanische Go-Szene beherrscht, hat leider ihre erste Partie gegen die spätere Sieger des Turniers, Wang Chenxing 5p aus China, verloren.

Danach ging ich es für mich auf eine zweitägige Wandertour zum Huangshan-Gebirge in eine der wohl schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Von dort flog ich heute nach Peking und bin von all dem Klettern wirklich erschöpft. Unsere Wohnung hier ist wirklich sehr schön und ich bin sicher, wir alle werden hier eine großartige Zeit zusammen haben – und natürlich hoffe ich, dass wir alle hier im Go viel stärker werden …

30. September 2013

Das Training läuft jetzt seit zwei Wochen und ich muss sagen, es ist sehr gut und sehr hart! Jeden Morgen um 9.30 Uhr treffen wir uns in unserem Klassenzimmer im Zentrum für chinesische Sprache und Kultur der diplomatische Vertretungen mit unserem Haupttrainer Wang Yang 5p, und sein Assistent und Übersetzer, Luo Gang, der über die gleiche Stärke wie wir verfügt, aber über viel mehr Joseki-Wissen. Derzeit ist Li Ting 1p auch bei uns, aber sie wird bald nach Österreich zurückkehren. Es soll künftig noch mehr Gastlehrer geben und mir wurde gesagt, einige von ihnen seien wirklich berühmt. Auch ist uns mit Yajing ein Cego-Mitarbeiterin an die Seite gestellt worden, die uns quasi als Reiseleiterin hilft bei allem, was wir brauchen. Sie ist eine wunderbare Person und wir hatten an unseren freien Tage bereits eine Menge Spaß mit ihr.

Der Unterricht beginnt in der Regel mit Analysen unserer bisherigen Partien. Ich muss sagen, Wang Yang ist ein wunderbarer Lehrer mit tiefem Einblick in dieses Spiel. Eine seiner beeindruckendsten Sätze bisher war: „Wenn Deine Stellung keine Schwächen hat, heißt das, dass Du ineffizient spielst.“

Die Go-Schule

Die Go-Schule in Peking

Natürlich bedeutet das nicht, dass man überall schlechtes Aji hinterlassen sollte, aber man sollte keine Angst vor jeder kleinen Schwäche in der Form haben und vor allen Dingen vermeiden zu langsam spielen. Um 11:30 Uhr essen wir immer zusammen zu Mittag, danach spielen wir zwei Partien für unser internes Turnier, eine Liga aus 6 Spielern – wir fünf Studenten und ein Gast, meist Herr Luo, aber manchmal auch ein Profi. Um ca. 19:00 Uhr gehen wir nach Hause zum Abendessen, danach lösen wir Go -Probleme, die wir als Hausaufgaben von Herrn Luo mitgegeben bekommen haben, oder wir spielen weitere Partien auf Tygem oder gegeneinander. Also alles in allem haben wir etwa zwölf Stunden Go jeden Tag! Ich fühle mich bereits ein wenig stärker oder zumindest in besserer Form, aber das ist natürlich schwer zu messen. In der ersten Woche spielten wir eine Freundschaftsmatch gegen fünf Mitglieder von Cego und verloren leider vier von fünf Partien – aber ich hoffe, wir bekommen nach der Ausbildung die Chance auf eine Revanche und können dann zeigen, wie viel wir gelernt haben.

Ab morgen werden wir an zwei großen, nationalen Turnieren teilnehmen, das erste hier in Peking, der zweite in Dalian. Viele der besten chinesischen Amateurspieler wird dabei sein, so dass wir alle sehr nervö sind. Beide Turniere dauern jeweils vier Tage und haben 11 bzw. 10 Runden mit einer Bedenkzeit von 75 Minuten sudden death, was so recht häufig in China zu sein scheint. Wir haben bereits mit dieser Zeiteinstellung geübt und ich muss sagen, dass es schwer ist, klar zu denken, wenn man weniger als fünf Minuten auf der Uhr hat …

 

Wegen der Turniere hatten wir in dieser Woche zwei freie Tage – sonst eigentlich nur einen –, die ich dazu nutzte, um Li Ang 3p zu besuchen. Ich kam, um eine Brille, die er in Deutschland über Manja bestellt hatte, abzuliefern und verließ ihn wie einen guten Freund!

Chinesischer Kisei-Titelkampf

Chinesischer Qisheng-Titelkampf

Am darauffolgenden Tag besuchte ich ihn bei seinen Partien für das Qisheng-Qualifikationsturnier (chinesischer Kisei-Titel). Leider verlor er , aber ich hatte eine tolle Zeit und konnte etwa 100 Profipartien auf einmal beobachten , darunter auch einige bekannte Spieler wie Chang Hao, Kong Jie oder Yu Bin. Heute Abend werden wir unser Quatier verlassen, um für die Dauer des Turniers an einen Ort näher am Turnierort zu ziehen – mal sehen , was wir ausrichten können …

7. Oktober 2013

Das erste Turnier war eine interessante Erfahrung für uns alle! Wir waren im Haus von Mr. Cheng, einem guten Freund von Mr. Luo, untergebracht, da es sehr nah an der Schule liegt, in der gespielt wurde. Es handelte sich um einen tollen Spielort, sehr groß und luxuriös und mit einem riesigen Beamer für das Fernsehen, von uns verwendet , um einen Menge Weiqi-TV zu sehen, eine schöne neue chinesische Website, bei der Top-Spieler praktisch täglich neue Lehr-Video online stellen. Diese Website kann kostenlos genutzt werden, aber man muss sich registrieren und es das funktioniert bisher nur auf Chinesisch, auch wenn ich gehört habe, dass tatsächlich erwogen wird, künftig die Inhalte mit englischen Untertiteln anzubieten.

Beim Turnier gab es weniger Teilnehmer als erwartet (74), so dass beschlossen wurde, nur neun statt elf Runden zu spielen. Man musste mindestens ein zertifizierter chinesischer 5d sein, um an dem Turnier teilnehmen zu können, aber trotzdem war das Feld sehr gemischt. Einige Spieler hatten Profi-Stärke, einige ware fast vier Steine schwächer als wir. Am Ende haben wir alle über die Hälfte unserer Partien gewonnen, ohne allerindgs einen einzigen wirklich starken Spieler geschlagen zu haben, so dass wir doch ein wenig enttäuscht waren. Remi und Lukas erreichten fünf Siege, Andrii und ich hatten mit vier Siegen ein wenig Pech (ich habe einen großen Fehler im Endspiel meiner letzten Partie gemacht, die eigentlich klar gewonnen war). Zeno hatte mit 3 Punkten das meiste Pech, da er drei Niederlagen auf Zeit erspieler – ich glaube, er muss noch an seinem Sudden-Death-Fähigkeiten arbeiten. Abgesehen davon, war das Turnier eine schöne Erfahrung. Wir trafen obendrein ein paar sehr interessante Menschen, zum Beispiel Du Jingyu 7d, den ich noch aus seiner Zeit in Deutschland kannte. Außerdem lernten wir einen berühmten Go-Buch-Autoren kennen, der ein Buch mit kommentierten Partien von Gu Li gegen Lee Se Dol veröffentlich hat – er schenkte mir das Buch kurz vor unserer Partie, in der er mich vernichtend schlug. Nach dem Turnier hatten wir einen schönen Basketball-Match gegen einige chinesische Kinder, aber am Ende wurden wir einfach überrannt, da sie uns zahlenmäßig überlegen waren …

Benjamin Teuber mit Schutz gegen den Smog in Peking

Wieder zu Hause, am nächsten Tag, bekamen wir Besuch von drei berühmten Profis, die auch Unterricht auf weiqitv.com geben: Liu Xing 7p , Wang Yao 6p und Zhao Shou Xun 5p. Sie spielten 2-Steine-Handicap-Partien mit uns und ich war der einzige, der einen (sehr glücklichen) Sieg gegen Herrn Zhou erringen konnte. Eigentlich wurde mir sehr früh eine Gruppe getötet, aber meiner Aufgabe habe ich versucht, mich noch einmal gegen die Niederlage zu stemmen. Übrigens, eine weitere Lektion, die wir von Wang Yang bekamen, war „nie aufgeben“ – und ich denke, nach dieser Erfahrung werde ich in der Zukunft immer erst etwas später aufgeben, auch wenn die Situation aussichtslos scheint, da der Gegner dann noch seine Lesegenauigkeit unter Beweis stellen muss und man nie weiß, was noch passieren kann … Wie auch immer, er hat einen kleinen Fehler gemacht und im weiteren Verlauf konnte ich ihn überall töten. Obwohl ihm das wohl nicht passiert wäre, wenn er nicht zwei Partien simultan hätte spielen müssen … Danach haben wir einige Partieanalysen von Wang Yao erhaltne, der nicht nur sehr berühmt ist in China (und natürlich ebenso stark), sondern auch sehr gut Englisch spricht. Er wird uns ab sofort einmal in der Woche besuchen und ich freue mich schon sehr darauf.
Gestern hatten wir einen freien Tag und statteten meinem neuen Freund Li Ang einen weiteren Besuch ab – jeder, außer Lukas , der krank war. Dort haben wir einige Partien mit seinen Schülern gespielt, zum Beispiel mit einem 11-jährigen Mädchen, das in einer Gleichaufpartie mit 30 Komi für sie fast eine meiner Gruppe getötet hätte. Aber dann habe ich sie doch ausgetrickst …

Ich spielte auch noch eine 2-Steine-Partie gegen Li Ang und natürlich habe ich nicht aufgegeben, nachdem er mir eine große Ecke getötet hatte. Im nächsten Kampf überspielt er die Stellung (natürlich spieler auch er zwei Partien gleichzeitig) und ich konnte eine noch größere Gruppe von ihm töten – mein zweiter glücklicher Sieg gegen einen Profi innerhalb von zwei Tagen!

Li Ang schenkte uns zum Abschie ein Buch von sich und nach einem schönen Abendessen, das seine Mutter zubereitetet hatte, verließen wir ihn recht früh, da wir am nächsten Morgen früh aufstehen mußten, um den Zug nach Dalian zu erreichen, wo wir jetzt sind. Wir kamen hier nach einer 7-stündigen Zugfahrt an und sind Gast in einem schönen Vier-Sterne-Hotel, das auch als Turnierort dient. Dieser Turnier wird viel stärker besetzt als die vorherige sein: Mehr als zehn starke 7d-Spiel er sind angemeldet und mehr als die Hälfte des Feldes spielt 6d, was in China sehr stark ist. So frage ich mich, wie viele Spiele wir in der Lage sein werden zu gewinnen – ich hoffe nur, dass niemand ohne Sieg abschneiden wird, denn dann müssen wir zur Strafe das ganze Schulgebäude reinigen. Aber schaun’ wir mal …

16. Oktober 2013

Das zweite Turnier war eine tolle Erfahrung, viel interessanter als das erste. Zunächst einmal war es sehr gut organisiert, wobei alle Beteiligten im selben Hotel wohnten und spielten. Die Eröffnungsfeier war auch sehr lustig: Lukas wurde gebeten, ein paar Worte auf Chinesisch sagen, während ich ein Lied spielen durfte – sie hatten sogar extra eine Gitarre für mich organisiert. Sozusagen als Belohnung dafür haben wir einige sehr schöne Kalligraphien bekommen, die in der Regel als Preise für eine Go-Quiz vergeben werden. Und mit ein wenig Hilfe von Li Ting bekamen Zeno und Remi auch welche.

Während der Partien war die Atmosphäre sehr intensiv, da es sich um ein nationales Turnier handelte und nur Spieler über 18 Jahren teilnehmen durften. Ich habe natürlich meine ersten beiden Spiele gegen starke Gegner verloren, konnte dann aber besser spielen und beendete das Turnier mit einem Score von 5:5, während die anderen vier Europäer 4:6 abschnitten.

Im Vergleich zu europäischen Turnieren gibt es viele Unterschiede, denke ich. Zunächst sind chinesische Spieler in die Öffnung deutlich schwächer als in den anderen Phasen des Spiels (es gibt natürlich Ausnahmen). So hatten wir viele Spiele , in denen wir nach 20 Zügen dachten, unser Gegner seien sehr schwach, wurden aber bei späteren Kämpfe von ihnen auseinander genommen oder einfach nur im Endspiel besiegt. Also, ich glaube, die Spieler haben hier sehr viel mehr Willenskraft, so dass sie, selbst wenn sie hinter liegen, ruhig bleiben und weiterhin nach Schwachstellen beim Gegner suchen, statt aufzugeben oder verzweifelt einen letzten Kampf zu suche, wie es die meisten Spieler in Europa in einer ähnlichen Situation machen würden. Ich denke, es ist nur natürlich, dass der häufigste Satz unseres Lehrers Wang Yang während der Analyse war, dass „es immer noch eine sehr lange Partie“ sei und ich kann ihm nach meinen persönlichen Erfahrungen nunmehr nur zustimmen. Also egal, wie gut oder schlecht die Lage auch sein mag, nie beginnen, die Konzentration zu verlieren, sondern mit aller Kraft weitermachen!
Gestern waren wir in der das Studio von WeiqiTV eingeladen, um eine lustige Partie in der Serie „Amateur vs Profi mit Sonderregeln“ zu spielen. Zunächst wurde dabei ein Rad gedreht, um zu entscheiden, welche zusätzlichen Regel es geben soll (z. B, „der Profi muss einen Zug Ihrer Wahl zurücknehmen“ oder „ der Profi darf in den ersten 30 nicht auf vierten Reihe oder höher spielen“). Unsere Regel war „es dar nur eine Gruppe geben“, so dass wor für jeden zusätzlichen weiße Gruppe auf der Brett zehn Punkte Komi zusätzlich bekamen. Wir spielten dann als Team gegen eine 1-Dan-Spielerin und hatten ein Brett zum Diskutieren und wenn wir uns einig waren (was in der Regel nicht der Fall war …), gab Andrii unseren Zug in den Computer ein. Aber mit 30 Minuten Bedenkzeit und 30 Sekunden Byoyomi sowie fünf dickköpfigen Spielern hatte wir eine Menge Ärger und starben mit einer großen Gruppe. Zum Glück aber lebten wir mit einer anderen und da Weiß dadurch drei Gruppen hatte, gewannen wir am Ende mit 10 Punkten. Die Spiel kann sehen, wenn man es schafft, sich dort zunächst zu registrieren. Und hier findet man auch ein kurzes Interview mit uns!

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