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Der Meijin lernt deutsch!

Von | 22. August 2014 2 Kommentare
Kawabata Yasunari 1938

Kawabata Yasunari 1938 in Kamakura, Japan

Was kann es für einen Verleger ehrenvolleres geben, als einen Nobelpreisträger für Literatur verlegen zu dürfen? Und was kann es für einen Go-Buch-Verleger beglückenderes geben, als das Buch eines Nobelpreisträgers für Literatur zu verlegen, in dem es um Go geht? Genau dieses Glück wird nun dem Verleger Gunnar Dickfeld vom Brett und Stein Verlag nach jahrelangem Bemühen zuteil, denn er darf die deutsche Ausgabe von Kawabata Yasunaris „Meijin“ (名人) in deutscher Sprache verlegen.

1968 erhielt Kawabata Yasunari (1899–1972) als erster Japaner überhaupt „für seine Erzählkunst, die mit feinem Gefühl japanisches Wesen und dessen Eigenart ausdrückt“ (Begründung des Nobelpreiskomitees), den Nobelpreis für Literatur verliehen. Ebendieser Kawabata sieht seine 1954 erschienene Novelle „Meijin“ nach eigener Aussage als sein vornehmstes und einzig abgeschlossenes Werk überhaupt an (Gessel, Van C., Three Modern Novelists: Soseki, Tanizaki and Kawabata, Tokio 1993, S. 174). Sehr erfolgreich war dann auch die englischsprachige Übersetzung desselben 1976 von Edward Seidensticker unter dem Titel „The Master of Go“. Es folgten weitere Übersetzungen in diverse Sprachen, von Chinesisch bis Rumänisch.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es schon, dass sich für dieses Werk über Jahrzehnte hinweg, anders als für eigentlich alle anderen Romane und Erzählungen Kawabatas, kein deutscher Verlag hat erwärmen können. Suhrkamp, Karl Hanser, Insel, dtv – sie alle haben den japanischen Nobelpreisträger verlegt, aber keiner hat sich an dessen 1954 erschienene Novelle über eine 1938 im Verlauf von  insgesamt sechs Monaten gespielte Go-Partie zwischen dem alten und bereits sterbenskranken Honinbo Shusai und dem jungen, aufstrebenden Kitani Minoru herangetraut. Zu sperrig, zu fern, zu „japanisch“ mag ihnen dieser aus einer ursprünglich mehrteiligen Zeitungsreportage von 1951 entstandene Text erschienen sein, dessen literarisches Zentrum das Aufeinandertreffen des alten und neuen Japans, von Tradition und Moderne, von Ästhetik und Pragmatismus bildet.

Dieser Gegensatz kulminiert in der Partie selbst im Abgabezug 121, den Kitani ganz pragmatische nutzte, um eine Vorhanddrohung zu spielen, damit er in der Zeit zwischen den Spieltagen in aller Ruhe die Partie analysieren kann.

Der Meijin beantwortete 121 schnell auf 122 und ließ sich nichts anmerken, äußerte sich aber laut Kawabata in der späteren Mittagspause sehr erbost über Kitanis Zug: „Es war, als hätte er Tinte über eine Bild geschmiert, das wir zusammen gemalt hatten.“ Nur acht Züge später machte Shusai einen folgenschweren Fehlzug, der ihn vermutlich die Partie kostete. Für Kawabata war die Verbindung von Kitanis „Trick“ und Shusais Ärger darüber und dem folgenden Fehler offensichtlich, zumindest literarisch zwingend. Wie er an anderer Stelle ausführt: „Aus der Art, Go zu spielen, war die Schönheit Japans und des Fernen Ostens gewichen. Alles war zu Wissenschaft und Politik geworden.“

meijin_bei_brettundsteinDieses Werk will Gunnar Dickfeld nach Jahren der Rechterecherche und zähen Vertragsverhandlungen nun durch Christoph Heisel, der für den Verlag schon Kageyamas „Lessons in the Fundamentals of Go“ ins deutsche übertragen hat, übersetzen lassen, um es Anfang 2015 in den Buchhandel zu bringen. Eine ebenso literarisch anspruchsvolle wie für das Go verdienstvolle Aufgabe wartet damit auf beide. Uns bleibt nur, beiden dabei gutes Gelingen zu wünschen und frei nach Kawabata zu hoffen, dass sie sich an der Schönheit Japans und des Fernen Ostens orientieren, statt pure Wissenschaft oder gar Politik zu betreiben …

Hinweisen möchten wir in diesem Zusammenhang abschließend noch auf John Fairbairns Buch „Meijin’s Retirement Game“, das komplett der Partie aus Kawabatas Buch gewidmet ist und in dem nicht nur die Partie bis ins letzte Detail hinein analysiert wird, sondern in dem auch die historischen Umstände und Hintergründe näher beleuchtet werden.

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2 Kommentare »

  • christian zak sagt:

    es ist hocherfreulich, daß nunmehr dieses großartige Werk in deutscher Sprache vorliegen wird. Wenn nur der Titel nicht wäre! Wird „Meijin“ mit „Go-Meister“ übersetzt, geht der gesamte kulturelle Hintergrund verloren,der für Japaner mit diesem Titel verbunden ist und der das Leitmotiv des Buches bildet. Denn der Meijin war in jener Zeit nicht irgendein Meister seines Faches Go, sondern der einzigartige Repräsentant einer japanischen Tradition. Ich fände als deutscher Buchtitel für „Meijin“ wäre vielleicht „Altmeisterehre“ passend…

    Nebenbei: Das verdienstvolle und instruktive Buch Fairbairns zur Shusai-Kitani-Partie läßt bei der detaillierten Inhaltsangabe zum Buch Kawabatas, ohne die das Buch für den Durchschnittsleser nur oberflächlich verstanden werden kann,eigenartigerweise und ohne Kommentar das 15. Kapitel aus. Weiß jemand, ob da was dahintersteckt, oder ob das bloß ein Versehen ist?

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