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Harburger Mausefalle 2014

Von | 4. März 2014

Es ist Anfang März, Frühlingsanfang in Harburg. In der Lessing-Stadtteilschule haben sich 92 Menschen versammelt, um ein Wochenende lang Go zu spielen. In den vier Spielräumen sind über 48 Go-Bretter mit Steinen und Uhren fein säuberlich aufgebaut und im Aufenthaltsraum sitzen und stehen die Frühankömmlinge und unterhalten sich.

Filz-Go

Filz-Go

Steffi Hebsacker hat in stundenlanger Handarbeit aus Filz ein übergroßes Go-Brett gebastelt, das nun auf einem Tisch liegt und die Go-Kinder magnetisch anzieht. Matti und Joschka stehen in respektvollem Abstand am Brett und halten jeder einen Stapel Filzsteine in der Hand. Der Abstand muss auch sein, denn wer zu nahe ans Brett geht, wird verwarnt. Beide sind sich sicher, dass das traditionelle Steine-aufs-Brett-Legen langweilig und für Erwachsene ist. Wer richtig cool sein will (und das sind die beiden), muss sich schon geschickter anstellen und die Steine wie Frisbees aufs Brett werfen. Und genau das tun sie. Manchmal treffen sie auch, und ganz oft nicht. Das gibt der Partie überraschende Wendungen, denn was für das unbedarfte Auge aussieht wie eine lebendige Gruppe mit zwei Augen, kann sich hier schon innerhalb eines einzigen ungenauen Wurfes in einen zyklopischen toten Klumpen verwandeln. Dann ist das Gezeter groß, aber Frisbee-Filz-Go ist nunmal ein Geschicklichkeitsspiel, und »nur, wer ein jahrelanges, hartes Training absolviert hat, hat überhaupt eine Chance«, da sind sich die beiden Kontrahenten einig und sicher.

Aus der Ferne beobachtet Katerchen Tabby das Geschehen. Er spielt noch nicht so lange Go wie die Kinder, genaugenommen ist er auch erst zwei Monate alt, und genau so lange ist er schon beim Go dabei. Aber trotzdem hat er schon voll die Ahnung und trägt ein T-Shirt mit seinem Lieblings-Trickzug, der Mausefalle. Die heißt so, weil man den Gegner mit einem Köder anlockt, einen Stein zu schlagen. Aber sobald er das getan hat, kann man selbst die Steine, die eben noch geschlagen haben, zurückschlagen und so vom Brett nehmen, und diese Überraschung macht Spaß. Katerchen Tabby weiß sowieso schon ziemlich viel über das Go, und sowieso alles besser. Aber er darf das, denn seine Mutter Steffi kommt mit seiner Erziehung nicht immer hinterher, einfach weil er sich so schnell entwickelt.

Tabby

Tabby schaut beim Go zu

Es ist 14 Uhr, die erste Runde neigt sich dem Ende zu. An den unteren Brettern sind die Partien alle schon entschieden, und es hebt ein geschäftiges Gemurmel an. Einige Spieler analysieren ihre Partie, die sie eben gespielt haben, und bekommen Unterstützung von stärkeren oder auch viel stärkeren Spielern, die gerne ihr Wissen an den Nachwuchs und die schwächeren Spieler weitergeben. Andere können vom Spielen gar nicht genug bekommen und spielen auch in der Pause noch ein paar Partiechen. Und wieder andere spielen „Zoff im Zoo“, ein einfaches Kartenspiel, bei dem große Tiere kleine Tiere fressen, aber der Elefant hat Angst vor der Maus, und manchmal macht auch jemand aus einer Mücke einen Elefanten. Und wer zwischen den Turnierpartien genug vom Spielen hat, kann mit den anderen in kleinen Grüppchen plaudern oder auch ernsthafte Gespräche führen, ganz nach Lust und Laune.

Und während die unteren Bretter schon plaudern, wird an den oberen Brettern noch immer intensiv strategisch geplant und gegrübelt, gerechnet und gelesen. Dort sind die Partien noch nicht entschieden, sondern seit mittlerweile zwei Stunden hart umkämpft. Die meisten befinden sich im Endspiel, der letzten der drei Phasen. Hier geht es um jeden einzelnen Punkt, und die Reihenfolge der Züge ist entscheidend, also muss man ganz genau nachdenken. Dazu kommt, dass die Spieler ihre Bedenkzeit von 60 Minuten schon fast aufgebraucht haben, und dann wird es stressig: innerhalb von 5 Minuten muss man 20 Züge spielen, das heißt für den einzelnen Zug bleiben nur noch wenige Sekunden Bedenkzeit. Weil diese Situation eine gute Konzentration erfordert, hört man in diesem Raum auch kein Gemurmel, sondern nur das Klappern der Steine in der Dose, das Klacken, wenn ein Stein aufs Brett gesetzt wird und das Ticken der Uhren. Nur ab und zu wird es etwas lauter, wenn nämlich eine Partie beendet ist und die etwa 300 Steine zurück in die Dosen geräumt werden. Das scheppert dann ordentlich.

Wieder im Aufenthaltsraum: Das Buffet ist gut besetzt, es gibt schön dekorierte, belegte Brötchen, selbstgebackenen Kuchen, kalte und heiße Getränke und noch etliche Kleinigkeiten mehr. Gleich nebenan, am Verkaufsstand des Hebsacker Verlags, kann man sich die neueste Go-Literatur und auch die älteren Bücher ansehen und kaufen, und außerdem Spielmaterial in Hülle und Fülle. Das Frisbee-Filz-Go wirkt immer noch magnetisch auf die Kinder, die einen ausdauernden Heidenspaß daran haben. Und anders als sie es vielleicht noch vor drei Jahren getan hätten, fliegen die Filzsteine nicht planlos und quer durch den ganzen Raum, nein, sie landen schon zielgerichtet in der Nähe des Spielfeldes, wenn auch nicht immer genau dort, wo es strategisch sinnvoll ist.

Langsam geht es auf 15 Uhr zu, durch alle Räume schallt ein lautes »An die Bretter, fertig, los!«. Die Partien für die nächste Runde sind ausgelost und hängen an der Wand. Die Fragen, die jetzt über Leben und Tod entscheiden, sind: An welchem Brett und mit welcher Farbe spiele ich? Wie heißt mein Gegner? In welchen Raum muss ich überhaupt? – Das ist ein herrliches Gewusel, wenn fast 100 Leute vor einem einzigen Blatt Papier stehen und Orientierung suchen. Doch schon zwei Minuten später hat sich der Tumult aufgelöst und es kehrt wieder Ruhe ein. Die Spieler sind jetzt in den Räumen und bereiten sich auf die nächste Partie vor. Bedenkzeit einstellen, die Dosen an den richtigen Platz stellen (welche Farbe hatte ich doch gleich?), eine bequeme Sitzhaltung einnehmen und auf den Gegner warten. Dann kann es losgehen.

Und während ich dem Treiben so zusehe, kommt Manuel vorbei. Er ist gerade mal 10 Jahre alt und hat schon den 4. Kyu-Grad. Das ist ziemlich stark, und er wird immer stärker. Er erkundigt sich, wie stark ich denn noch spiele und als ich zugebe, dass ich mich als 3. Kyu einschätze und schon mit dem Gedanken spiele, mich auf den 4. Kyu zurückzustufen, ruft er enttäuscht: »Aber du warst mal 1. Kyu.« – Tja, wo er recht hat, hat er recht. Aber dann ist er schon wieder weg und sitzt an seiner Partie. Und ich mache mich so langsam auf den Weg nach Hause, denn dieses Jahr bin ich nur als Besucher dabei, da ich das Wochenende schon anders verplant hatte.

Wie ich erfahren habe, konnte sich am Sonntag dann Lu Ji (4d/Hamburg) in fünf Runden ungeschlagen durchsetzten. Auf den Plätzen folgten Malte Gerhold (3d/Greifswald) mit 4:1 und Philipp Lindner (2d/Waren) mit 3:2.

 

 

 

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